Bericht über die Generalversammlung 2002

Am Samstag, dem 23. Februar 2002 fand in der anglikanischen Kirche St. Ursula in Bern die erste Generalversammlung der SCHWEIZERISCHEN WILLIBRORD-GESELLSCHAFT statt.

Der Präsident, Pfv. Klaus Heinrich Neuhoff, konnte 21 Mitglieder und 2 Gäste begrüssen: Eigens aus England angereist waren der Tagesrefernt, Bischof em. Henry Richmond aus Oxford, und der Sekretär der englischen Willibrord-Society, Rev. Ivor Morris aus London.

In seinem Jahresbericht konnte Pfr. Neuhoff auf ein erfolgreiches Gründungsjahr zurückblicken. Neben dem Hauptereignis des Jahres 2001, der 70-Jahr-Feier der Bonner Vereinbarung über volle Kirchengemeinschaft am 8. Dezember, sind vielerorts gemeinsame anglikanisch-christkatholische Gottesdienste gefeiert worden, so in Montreux-Territet und in Zürich.

Die Anregung des 7. internationalen anglikanisch-altkatholischen Sommerseminars 2000 in Zürich, auch in der Schweiz eine Gesellschaft zur Pflege der gegenseitigen Beziehungen zu gründen, war an einer gemeinsamen Pastoralkonferenz im Herbst 2000 auf fruchtbaren Boden gefallen, so dass es im Februar 2001 zur Gründung der Gesellschaft gekommen war. Mittlerweile hat diese Gesellschaft, die nach dem Friesenapostel und ersten Bischof von Utrecht, dem heiligen Willibrord, benannt ist, über 50 Mitglieder. Neu können nun auch Kirchgemeinden Mitglieder werden; der Jahresbeitrag beläuft sich für diese auf (mindestens) 100 Franken.

Die Jahresrechnung wurde von Kassier Alan Bridgman vorgestellt. Sie schliesst mit einem Aktivsaldo von Fr. 657.75 ab. Dieses Geld soll vollumfänglich der Förderung der gegenseitigen Beziehungen dienen. So wurde beschlossen, das nächste Anglikanisch-Altkatholische Sommerseminar, das zum Thema "Diakonie" im Vorfeld des Altkatholikenkongresses in Prag stattfindet (Informationen und Anmeldung bei Pfr. Chr. Schuler, Rue de la Chapelle 5, 2300 La Chaux-de Fonds), mit einer Defizitgarantie zu unterstützen.

Das weitere Jahresprogramm der Gesellschaft sieht wie folgt aus: Ab dem 4. April trifft sich an der Universität Bern eine Lektüregruppe "Anglikanische Theologie" (Kontakt: Drs. Peter-Ben Smit, Pavillonweg 10, 3012 Bern), jeweils Donnerstag Nachmittag 15.30 Uhr (vierzehntägig). Zur christkatholischen Bischofsweihe am 9. Mai und zur anglikanischen Priester- und Diakonatsweihe (ein Priester und zwei Diakone) am 15. Juni, beides in der Kirche St. Peter und Paul in Bern, laden wir uns gegenseitig ein.

Hauptveranstaltung der Willibrordgesellschaft ist am 26. Oktober die (vorgezogene) Feier des St Willibrord-Tages in Rheinfelden. Mit einem Gottesdienst, einem einfachen Mittagessen und einem Referat mit Diskussion über den Anglikanisch-Altkatholischen Internationalen Koordinierenden Rat (AOCICC) wollen wir uns gegenseitig immer besser kennenlernen und die Kirchengemeinschaft mit Leben erfüllen. Auch am "Oltner Tag", einem kleinen Kirchentag, den die solothurnischen Kirchgemeinden am 23. November in Olten ausrichten, soll die Gesellschaft vertreten sein. Schliesslich ist auch in der Romandie wieder der traditionelle gemeinsame Gottesdienst in Territet vorgesehen.

Bei den Wahlen wurde der Vorstand (die anglikanischen Mitglieder sind Rev´d John Newsome, Zürich, und Mrs MarthaJeanne [sic!, K. H. N.] Barton, Genf) einstimmig und mit Applaus wiedergewählt. Dr. Ernst Felchlin ist bereit, weiterhin als Rechnungsrevisor zu fungieren, wünscht jedoch, sobald als möglich ersetzt zu worden. Pfr. Franz Murbach hat neu die Funktion des Sekretärs übernommen. Die nächsten Aufgaben des Vorstandes sind die Vorbereitung von Anträgen an die christkatholische Nationalsynode und an die Pastoralkonferenzen, jeweils 2 Beobachter der anderen Kirche einzuladen. Die anglikanische Synode der Schweiz hat dies schon 2001 beschlossen. Die beantragte Website "willibrord.org" soll auch anderen nationalen Sektionen der Willibrord-Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden.

Nach der Eucharistiefeier, die Rev´d Richard Pamplin von der anglikanischen Gastgebergemeinde St. Ursula zum Thema "Einheit" gestaltet hatte, und dem vorzüglichen Mittagessen erwartete die Teilnehmenden ein spannendes Referat von Bischof Henry Richmond, dem langjährigen Vorsitzenden der englischen Willibrordgesellschaft. Es stand unter dem Titel ALTKATHOLISCH-ANGLIKANISCHE `KOINONIA´: EIN ZEUGNIS FÜR EINE WEITE, KATHOLISCH-REFORMIERTE ÖKUMENE? REFLEXIONEN EINES EHEMALIGEN "ÖKUMENISCHEN BISCHOFS". Der sehr persönlich gehaltene und doch (oder gerade deshalb) theologisch hochinteressante Vortrag rankte sich in verschiedener Hinsicht um das Buch "The Gospel and the Catholic Church" (Das Evangelium und die Katholische Kirche) von Erzbischof Michael Ramsey. Dieser war wie der Vortragende seinerzeit Direktor (oder `Warden´) des Theological College Lincoln, und ebenso wie Bischof Henry hatte sich seinerzeit auch der Erzbischof aus evangelikal-protestantischer Tradition dem (anglikanischen) Katholizismus angenähert. Beide haben somit die katholische Tradition bewusst für sich entdeckt und können daher ihren Reichtum in anderer Weise schätzen als solche, die selber in einer katholischen Kirche aufgewachsen sind. Gleichzeitig brachten beide aus ihrer protestantischen Tradition heraus eine Hochschätzung der Bibel mit, so dass sie einen wahrhaft "evangelischen Katholizismus" vertreten.

Besonders interessant war es, bei diesem Vortrag zu hören, wie sich die verschiedenen Wirkungsstätten Bischof Richmonds auf seine eigene theologische Entwicklung auswirkten: das Trinity College Dublin, wo er Mitglied (und später Präsident) der überkonfessionellen, jedoch konservativ-evangelikalen "Christian Union" wurde (vergleichbar der "Evangelischen Allianz"); die Universität Strassburg, wo er am "Séminaire Protestant" unschätzbare Erfahrungen in bezug auf die lutherische und die kalvinistische Tradition aus erster Hand machen konnte; das anglikanische (evangelikale) College "Wiclyffe Hall" in Oxford, wo er die verschiedensten spirtuell-theologischen Richtungen kennen lernen durfte: von anglikanischen (und hier "evangelikalen", "anglokatholischen" und "liberalen") über viele verschiedene protestantische Schattierungen bis hin zu römisch-katholischen und orthodoxen; und schliesslich, nach drei Jahren Doktorat über die Theologie des Hebräerbriefes, das "liberal katholische" Theological College Lincoln, wo er Direktor wurde. Ausgerüstet mit derlei reichen ökumenischen Erfahrungen, durfte er schliesslich acht Jahre lang als "Ökumenischer Bischof" wirken: als Vertreter des Erzbischofs von Canterbury für die anglikanisch-altkatholischen Beziehungen. Dies führte ihn dann auch 1990 wieder einmal in die Schweiz und damit in ein Land, das er als Student von Strassburg aus schon häufiger besucht hatte und in das überdies viele familiäre Verbindungen seiner Frau führen. Im August 1990 besuchte er in offizieller Funktion den 25. Internationalen Altkatholikenkongress in Genf. Und in diesem Jahr machte er auch auf Anregung von Pfr. Dr. Robert Wright vom New Yorker "General Theological Seminary" (der Episcopal Church) Bekanntschaft mit dem oben erwähnten Buch "The Gospel and the Catholic Church", womit sich unser Kreis schliesst.

Der Referent schloss mit der eindringlichen Aufforderung, dass wir uns gegenseitig unsere Glaubens-"Geschichte" erzählen, auch wenn ein solches Erzählen viel vom eigenen Fühlen und Erleben preisgibt.

Denn nur durch das Aufsichnehmen von Risiken, durch Sich-Öffnen und Sich-füreinander-verletzbar-Machen, ja durch Eintreten in die Intimität einer hingebungsvollen `koinonia´ (Gemeinschaft), kann es geschehen, dass die "full communion", die schon zwischen und unter uns vorhanden ist, vertieft und erweitert wird und auch diejenigen Mitchristen erreicht, mit denen unsere `koinonia´ oder `communio´ (Kommunion) nur teilweise oder gar nicht besteht.