Gründung einer schweizerischen Willibrord-Gesellschaft zur Vertiefung der anglikanisch-christkatholischen Beziehungen

Seit siebzig Jahren besteht zwischen der anglikanischen und der altkatholischen Kirchengemeinschaft ein Abkommen, dass zwischen ihnen volle Gemeinschaft besteht. Die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen zu vertiefen und so das Abkommen mit Leben zu füllen, das ist das Ziel der Willibrord-Gesellschaften. Seit dem 21. Februar dieses Jahres besteht nun auch eine solche Gesellschaft in der Schweiz.

Das Anliegen, dass die christkatholische und die anglikanische Kirche - es gibt in der Schweiz mehrere Gemeinden der Kirche von England und eine der amerikanischen Episkopalkirche - auch bei uns nähere Kontakte pflegen und stärker zusammenarbeiten sollen, ist nicht neu. Bisher war dies aber vor allem eine Sache von Einzelkämpfern. Eine Kontaktperson hielt die Verbindung mit den Willibrord-Gesellschaften anderer Länder, in einzelnen Gemeinden gab es punktuelle Kontakte - aber alle weitergehenden Bemühungen, die Kontakte zu intensivieren und zu koordinieren, sind im Laufe der Zeit im Sand verlaufen.

Inititative junger Theologen

Vor einigen Jahren haben Studierende der Theologie die anglikanisch-altkatholischen Seminare ins Leben gerufen: jährliche Treffen, an denen junge Theologinnen und Theologen aus verschiedenen Ländern und aus beiden Kirchengemeinschaften teilnehmen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst bereiten Vorträge vor, und ausser den theologischen Diskussionen spielen das gemeinsame Gebet und der Kontakt zu Kirchgemeinden im Gastgeberland eine wichtige Rolle.

Am Seminar im letzten September in Zürich haben einige Teilnehmer aus der Schweiz den Entschluss gefasst, die Initiative zur Gründung einer schweizerischen Willibrord-Gesellschaft zu ergreifen. Ermutigt vor allem von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus England, Deutschland und Holland, wo es sehr aktive Willibrord-Gesellschaften gibt, haben die Initianten die nächste günstige Gelegenheit ergriffen, um für ihr Anliegen zu werben: die Pastoralkonferenz im November 2000.

Gute Aufnahme an der Pastoralkonferenz

An diesem Treffen aller christkatholischen Geistlichen der Schweiz waren die Beziehungen zur anglikanischen Kirche in der Schweiz eines der Schwerpunktthemen. Mehrere anglikanische Pfarrer haben ebenfalls an der Pastoralkonferenz teilgenommen, the Very Revd. Peter Hawker, Archdeacon der Schweiz, hat ein Einführungsreferat über die Situation der Anglikaner in der Schweiz gehalten.

Die Initiative ist bei der Pastoralkonferenz auf fruchtbaren Boden gefallen: viele Geistliche wollten bei der Gründungsversammlung dabei sein oder zumindest in der Willibrord-Gesellschaft Mitglied werden. Bischof Hans Gerny und the Very Revd. Peter Hawker waren sofort bereit, an der Gründungsversammlung gemeinsam den Gottesdienst zu halten.

Die Gründungsversammlung

Am Mittwoch, 21. Februar 2001 fand sie dann statt, die Gründungsversammlung der Schweizerischen Willibrord-Gesellschaft. Sie begann in der Kirche St. Peter und Paul in Bern mit einem zweisprachigen Abendgottesdienst: Die Liturgie war grösstenteils deutsch, die Lesungen und die Lieder deutsch und englisch, die Predigt des Archdeacons und das Grusswort des Bischofs englisch.

Nachdem alle durch einen Imbiss gestärkt waren, konnten Pfr. Klaus Heinrich Neuhoff und Revd. Andrew Ling die zwei Dutzend Anwesenden im Kirchgemeindehaus Bern willkommen heissen. Revd. Andrew Ling ging in seinem Eröffnungsvotum auf die unterschiedliche Situation der christkatholischen und der anglikanischen Kirche ein: anders als die christkatholische ist die anglikanische Kirche in der Schweiz nicht öffentlich-rechtlich anerkannte Landeskirche, sondern ein Verein. Auch ist das theologische Spektrum in der anglikanischen Kirche viel breiter. Während die christkatholische Kirche eindeutig in der katholischen Tradition steht, gibt es bei den Anglikanern neben der anglokatholischen auch starke protestantische und charismatische Richtungen. Die Willibrord-Gesellschaft soll der Ort sein, wo man solche Unterschiede auch offen diskutieren kann. Wir sollten nicht aus falsch verstandener Höflichkeit das Gespräch über Unterschiede und Schwierigkeiten vermeiden.

Pfr. Klaus Heinrich Neuhoff nannte in seinem Eröffnungsvotum einige wichtige Stationen auf dem bisherigen Weg anglikanisch-altkatholischer Zusammenarbeit. Leider musste der vorgesehene Vortrag von Pfr. Christoph Schuler wegen Krankheit des Referenten ausfallen.

Statuten müssen sein

Schliesslich mussten die juristisch nötigen Schritte unternommen werden, damit die Willibrord-Gesellschaft ein Verein nach schweizerischem Recht werden konnte. Dazu ist vor allem eins wichtig: Statuten. Der Schreiber dieser Zeilen hat an die Gründungsversammlung einen Statutenentwurf mitgebracht. Dieser wurde engagiert diskutiert, aber nur an wenigen Stellen geändert. Die grundsätzliche Richtung der Statuten war nämlich unbestritten: Statuten müssen sein, sollen aber keinesfalls einengen.

So ist denn in den Statuten nur das Wichtigste geregelt, dies aber (so hoffen wir) klar und deutlich. Mitgliederversammlung und Vorstand haben weit reichende Kompetenzen: sie sollen alles tun können, was die anglikanisch-christkatholischen Beziehungen in der Schweiz fördert, ohne durch formaljuristische Regeln behindert zu werden.

Arbeit zu vergeben

Nach der Annahme der Statuten kam der grosse Moment, wo von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Gründungsversammlung der Tatbeweis gefordert wurde, dass sie bereit sind, die anglikanisch-altkatholischen Beziehungen in der Schweiz nicht nur mit Worten, sondern tatkräftig zu fördern: ein Vorstand musste gewählt werden.

Erfreulicherweise gab es keine Probleme, Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Es war allen klar, dass die Gründung einer Willibrord-Gesellschaft nur dann sinnvoll ist, wenn es gelingt, den Schwung weiterzutragen und in ein gutes Programm umzusetzen. Gewählt wurden von christkatholischer Seite Pfr. Klaus Heinrich Neuhoff als Präsident und Pfr. Franz Murbach, von anglikanischer Seite Marthajeanne Barton und Canon John Newsome.

Die Willibrord-Gesellschaft mit Leben füllen

Was wurde durch die Gründung einer Willibrord-Gesellschaft erreicht? Wenig - und doch eine ganze Menge. Wenig deswegen, weil die Willibrord-Gesellschaft zunächst nicht mehr als eine organisatorische Struktur ist, ein Gerüst, dem noch das Fleisch am Knochen fehlt. Eine ganze Menge, weil die Kontakte zwischen Anglikanern und Christkatholiken in der Schweiz einen neuen und starken Impuls bekommen haben.

Wir haben gesehen, dass es beiden Seiten, der anglikanischen wie der christkatholischen, wichtig ist, die Beziehungen zu vertiefen. Wir haben gesehen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, auch etwas für diese Vertiefung der Beziehungen zu tun. Und wir haben diesen Menschen eine Plattform geschaffen. Es ist nun klar: hier, in der Willibrord-Gesellschaft, ist der Ort, die Kontakte zu pflegen, hier ist der Ort, sich zu begegnen, hier ist der Ort, sich abzusprechen, wie man das Bewusstsein in der eigenen Kirche für die Anliegen der anderen Kirche stärkt.

Es gibt so viele Fragen, die wir Christkatholikinnen und Christkatholiken den Anglikanern stellen können und sollen: Wie ist es, in der Schweiz einer Kirche anzugehören, die so stark in der englischen Kultur verwurzelt ist? Wie sind die Seelsorge, der Religionsunterricht und das Gemeindeleben organisiert? Könnte man in diesen Bereichen zusammenarbeiten? Wie sieht die Gottesdienst-Tradition aus? Können wir da etwas lernen oder verstärkt gemeinsame Gottesdienste feiern?

Mit solchen Fragen können wir die Willibrord-Gesellschaft mit Leben füllen. Ich bin gespannt auf die Antworten - und mindestens ebenso gespannt bin ich, welche Fragen unsere anglikanischen Glaubensgeschwister uns gerne stellen möchten.

Adrian Suter