75 Jahre Bonner Abkommen
Predigt von Colin Williams,
Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen in Genf
Liebe Schwestern und Brüder,
Es ist für mich eine Freude, an Eurem Festgottesdienst teilnehmen zu dürfen.
Ich fühle mich noch ziemlich als Neuling in meinem Amt als Generalsekretär der Konferenz europäischer Kirchen. Erst im November letzten Jahres zog ich nach Genf um. Ich gewöhne mich allmählich daran, ein im Ausland lebender Engländer zu sein. Das bedeutet unter anderem, dass ich noch dabei bin, die Schweiz zu entdecken, - doch da ich hier in Genf lebe, besuche ich natürlich auch die Gegenden Frankreichs, die nicht allzu weit von Genf entfernt sind. Die Samstage wurden für mich Tage von Reisen, Entdeckungen und Abenteuern.
Vor zwei Samstagen kam mir eine wilde Idee in den Kopf. Ich nahm die Landkarte in die Hand und stellte fest, es sei möglich, an einem Tag von Genf nach Taizé und zurück zu fahren. Ich teilte diese wilde Idee mit einem Freund. Er bestätigte mir, dies sei tatsächlich eine wilde Idee. Es würde sich aber trotzdem lohnen, sie auszuführen. Und so fuhren wir am letzten Samstag zu dritt in meinem Wagen los und verbrachten den Tag in Taizé.
Ich glaube, davon ausgehen zu dürfen, dass die meisten von Euch eine Vorstellung davon haben, was Taizé ist - doch auf alle Fülle will ich es kurz beschreiben. Taizé ist zugleich ein Ort und eine Bewegung. Ein Ort in Burgund, wo die Brüder seit 1940 in Gemeinschaft leben und das monastische Ideal, nicht zuletzt das Ideal der Gastfreundschaft, - angepasst an das 20. und nunmehr das 21. Jahrhundert - zu leben und gestalten versuchen. Sie bemühen sich, dies in einem Kontext zu verwirklichen, der ihnen eine radikale Praxis des mönchischen Begriffs der Gastfreundschaft ermöglicht, indem sie alle Menschen, die an ihrem Gebetsleben teilnehmen wollen, willkommen heissen. Sie lassen alle, die kommen und an ihrem Leben teiln Zeit. Mehr und mehr unter ihnen sind junge Leute. Allmählich verbreitete sich die gute Nachricht von dem, was sich in Taizé ereignet, in ganz Europa: Gebete, Unterweisung, Gemeinschaftserlebnis, besinnliche Gottesdienste und vor allem Musik, die uns im Innersten berührt und die Herzen für Gott öffnet. Ja, sogar jenseits von Europa wurde der Name Taizé, selbst bei jenen, die die Bruderschaft noch nie besucht haben, zu einem Symbol für eine Weise des Gebets und des Gotteslobes, das unser eigenes christliches Leben bereichert.
Als wir am letzten Samstag zu dritt nach Taizé aufbrachen, wusste keiner von uns genau, was auf uns zukommen würde. Keiner von uns war wirklich auf die Intensität vorbereitet, die uns erwartete. Bei unserer Ankunft fanden wir einen Ort, an dem 4500 Menschen aus ganz Europa - die meisten unter ihnen jünger als 25 - für eine Woche ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Am nächsten Tag würden sie heimfahren und durch eine neue Gruppe von 4500 Personen aus allen Ecken Europas ersetzt werden, von denen wiederum die meisten unter 25 sein würden. Und so ging das unentwegt weiter, den ganzen Sommer über. Mehr Jugendliche als je zuvor kamen diesen Sommer nach Taizé.
Diese jungen Pilger hatten offensichtlich Freude an der gemeinsam verbrachten Zeit. Wir sahen, wie sie gemeinsam Spiele durchführten. Wir sahen, wie manche unter ihnen jeden und alle, sogar Generalsekretäre mittleren Alters wie mich, umarmten! Wir sahen sie beim gemeinsamen Kochen und Reinigen. Doch im Mittelpunkt ihrer täglichen Beschäftigung stand das gottesdienstliche Leben. Dreimal pro Tag, morgens, mittags und abends. Wir nahmen mit ihnen zusammen am Mittagsgebet und am Samstagabendgottesdienst teil, - ein Akt der Andacht, der offensichtlich den Höhepunkt ihrer gemeinsam erlebten und gestalteten Woche bildete. Wir sassen inmitten einer gedrängten Menge von mehr als 4000 Menschen. Es grenzte an ein Wunder, wie hier, unter einer solchen Menschenmenge, derart lange Momente des Schweigens herrschten. Die Intensität des Gebets und der offenbare Sinn für Anbetung überwältigte uns. Die Bereitschaft, sich gegenseitig zu tragen und füreinander da zu sein berührte uns tief. Doch mehr als all diese Einzelaspekte war es der tiefe Sinn für die Anbetung des lebendigen Christus, der uns anzog, - Christus, dessen Gegenwart in den von ganzem Herzen gesungenen, einzigartigen Liedern von Taizé spürbar wurde.
Wie es häufig vorkommt, wenn ich halb offiziell an einer Begegnung teilnehme, wurde ich gebeten, den Brüdern und den anwesenden Pilgern beim Mittagessen ein paar Worte zu sagen. Ich hielt keine vorbereitete Rede, sondern sagte, was mir aus dem Herzen kam, Worte, von deren Wahrheit ich selbst überzeugt war. "Zu oft geschieht es", sagte ich, "dass wir in der Kirche gelehrte Artikel über die Ökumene schreiben, theoretisch und theologisch von der ökumenischen Bewegung reden, ja verzweifelt um sie ringen. Was Ihr hier tut", gab ich zu verstehen, "ist um einiges besser. Ihr praktiziert die Oekumenische Arbeit im Gebet, ihr lebt und erlebt sie. Hier ist die Oekumenische Arbeit in einer Weise lebendig, wie sie in gewisser Weise die ganze ökumenische Bewegung befruchten sollte.
Die neutestamentliche Schriftlesung von heute Abend erinnert uns daran, dass der heilige Johannes uns mitteilt, mit welchen Worten Jesus sich ausführlich beim Abendmahl an seine Jünger wandte. Er gab ihnen einen ziemlich detaillierten Trainingskurs darüber, wie sie allem, was er sie gelehrt hatte, treu bleiben könnten, wenn er nicht mehr physisch unter ihnen weilte. Sie hätten die Wahl zu treffen, die laut unserer heutigen alttestamentlichen Schriftlesung bereits die Wahl war, vor welche Moses die Kinder Israels auf ihrem Weg in das gelobte Land gestellt hatte: sie wurden aufgerufen, das Leben zu wählen, und nicht den Tod. Und als Zeichen, dass sie das Leben gewählt hatten, das reiche neue Leben, das durch Christi Tod, Auferstehung und Himmelfahrt ermöglicht worden war, waren sie aufgerufen, als ein geheiligtes, ein heiliges Volk zu leben. "Heilige sie in der Wahrheit", so betete Jesus zum Vater, "dein Wort ist Wahrheit...und für sie heilige ich mich, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind."
Und hier scheint mir das Geheimnis zu liegen, das erklärt, warum der Einfluss von Taizé so anziehend, so attraktiv für viele Menschen ist. Es erklärt sich daraus, dass die Bruderschaft einen Lebensstil praktiziert, der so gewinnend wirkt. Sie rufen diejenigen, die ihnen folgen, nicht aus dem Leben in einen Zufluchtsort. Dass unsere christliche Berufung nicht in der Flucht vor dem Leben besteht, ergibt sich klar aus dem Passus des Johannesevangeliums, den wir heute abend gelesen haben, nämlich den Worten Jesu, "Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst". Stätten wie Taizé und andere rufen vielmehr jene, die sich dort versammeln, dazu auf, ihr Leben voll auszuschöpfen, doch so, dass sie ihr Leben heiligen und es in Gebet und Sakrament seine Nahrung und Fülle findet. Unser Ruf in die Nachfolge Jesu Christi besagt, dass wir ein Leben leben wollen, das bewusst für die Eingebung und Führung durch den Heiligen Geist offen ist. Unsere Berufung als Nachfolger Jesu Christi heisst, dass wir ein Leben leben wollen, das eine Hingabe unserer selbst an Gott und unseren Nächsten ist. Unser Ruf in die Nachfolge Jesu Christi meint, dass wir ein Leben leben wollen, aus denen die Güte und Gnade Jesu Christi hervorbricht und diese offenbart. Wir sind in der Tat dazu berufen, ein Leben zu leben, das geheiligt, das heilig ist. Ein Leben, das in der Tat durch seine Heiligkeit etwas von der Fülle der Menschlichkeit enthüllt, die im Leben Jesu ihren Ausdruck fand.
In der ökumenischen Bewegung beginnen wir, heute erneut zu erkennen, dass unsere Arbeitsformen in den letzten Jahren zu kopflastig waren, - man konzentrierte sich zu stark auf die Gehirnnahrung und vernachlässigte die Nahrung, deren das Herz bedarf. Man pflegte die Kopfarbeit und kümmerte sich zu wenig um seelische Nahrung. Aus diesem Grund machte beispielsweise der ökumenische Rat der Kirchen an seiner kürzlichen Versammlung in Brasilien das Thema der Spiritualität zu einem der wichtigsten Anliegen, dem man sich in den nächsten Jahren ernsthaft zuwenden solle. Das bedeutet, dass wir in der ökumenischen Bewegung ausbuchstabieren müssen, was wir unter all den gepflegten Ausdrücken verstehen, mit denen wir umgehen, wie etwa ökumenische Spiritualität oder geistliche Ökumene.
Und wir sind es uns schuldig, dies zu tun, weil wir oft vergessen, dass Ökumenismus an sich von vergleichsweise geringem Wert ist. Wir müssen fähig sein, auf die Frage, "Worin besteht das Ziel der ökumenischen Bewegung worauf will sie hinaus?" eine Antwort zu geben. Wenn wir diese Frage nicht zu beantworten vermögen, dürfte die ökumenische Arbeit vielen wie ein mässiges Spiel vorkommen, das nur Enthusiasten angeht.
Ich glaube, Taizé und vergleichbare Begegnungsorte können uns dabei helfen, diese Frage zu beantworten. Sie sagen uns mit einer gewissen Autorität, dass die Begegnung von Christen verschiedener Herkunft keinen Zweck hat, solange wir nicht bereit sind, die Mauern zwischen den Konfessionen niederzureissen, um als Einzelne und als Kirchen die Freiheit zu gewinnen, um den Weg der Heiligkeit mit neuer Kraft und einer erneuerten Vision zu beschreiten. Der Sinn für Andacht und Anbetung, den man zum Beispiel in Taizé antrifft, ist ja kein Ergebnis des Zufalls. Er nährt sich von dem, was sich zwischen den Gebets- und Gottesdienstzeiten ereignet. In diesen Zwischenzeiten kommen diese Pilgerreisenden mit ihrem verschiedenen Hintergrund und ihrem unterschiedlichem Grad von Intensität zusammen, um gemeinsam Über die Schrift und ein christliches Leben nachzudenken, um miteinander ihre je unterschiedlichen Erkenntnisse davon zu teilen, was ein gläubiger Christ, der seine Nahrung in Wort und Sakrament findet, ist. Dieses Aufeinanderzugehen, diese Bereitschaft, Herzen und Sinne für ein neues, bisweilen stark abweichendes Verständnis der Berufung in die Nachfolge Jesu Christi,- dies ist es, was eine neue Begeisterung und eine neue Vision auslöst. Und dies wiederum macht es möglich, dass Gebet und Gottesdienst eine derartige Tiefe erreichen.
Was ist bei diesem Modell der Zweck der Ökumene? Der Zweck besteht gerade darin, die Nachfolger Jesu Christi zu befähigen, sich gegenseitig über konfessionelle Barrieren hinweg zu bereichern, sodass sie ihrerseits mehr und mehr von dem lebendigen Christus bereichert werden. Die Ökumene lehrt uns, dass unser Wachstum gehemmt und behindert sein wird, wenn wir innerhalb der von uns selbst errichteten Zäune eingeschlossen bleiben. Zugleich lehrt uns die Ökumene, dass wir aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn wir die uns umgebenden Zäune niederreissen, denn dann kommt Christus in Gestalt von Schwestern und Brüdern anderer Traditionen auf uns zu.
Und so - liebe Schwestern und Brüder der altkatholischen und anglikanischen Tradition - die ganze Kirche braucht Ihre Hilfe. Wir freuen uns darüber, dass Ihr unter allen möglichen Bedingungen und an allen möglichen Orten Europas seit 75 Jahren in voller Communio (Gemeinschaft) miteinander gelebt habt. Ihr habt so vieles gemeinsam verwirklicht. Bevor Ihr diesen Ort wieder verlasst, möchte ich Euch die Frage mitgeben: warum ist es für Euch so wichtig, weiter in enger Gemeinschaft miteinander zu leben? Welchen Zweck mag das haben? Könnte es bedeuten, dass Ihr in Eurem Kontext ebenfalls dazu berufen seid, zu einer engeren Gemeinschaft zusammenzuwachsen, sodass Eure Kirchen, und Ihr als Mitglieder dieser Kirchen, grosse Freude und Genugtuung verspürt, wenn Ihr gemeinsam auf dem Weg der Heiligkeit wandelt? Wäre es denkbar, dass Ihr dazu berufen seid, weiterhin als ein Zeichen der umfassenderen Kirche zu handeln, indem Ihr uns zeigt, wie das gemeinsame Leben in voller Gemeinschaft Christen befähigt, sich über die konfessionellen Grenzen hinweg von der Lebenskraft des auferstandenen Herrn erfüllen zu lassen? Oder was wäre geschehen, hättet Ihr vor 75 Jahren beschlossen, weiterhin getrennt voneinander zu verharren? Wäre es denkbar, dass Altkatholiken und Anglikaner berufen sind, ein machtvolles Zeichen davon zu sein, dass uns das Niederreissen der Barrieren, die uns von unseren christlichen Schwestern und Brüdern trennen, befähigen, vitaler zu leben, zu beten und Gott zu loben, indem wir neue Wege des Dienstes entdecken, im Wissen darum, dass wir unsere eigentliche Nahrung im Wort und im Sakrament finden.
So viele Kirchen und Kirchenfamilien bemühen sich darum, dort zu stehen, wo Ihr steht, in voller Gemeinschaft mit ihren Schwestern und Brüdern in Christus. Die gesamte ökumenische Bewegung braucht Euch, um uns zu zeigen, wie ein Leben in voller Gemeinschaft das Potential enthält, uns alle als ein heiliges Volk in die Freiheit zu führen.
Wir feiern heute den 75. Jahrestag der Unterzeichnung der Bonner Vereinbarung. Wie weit und wie wirksam haben Altkatholiken und Anglikaner seitdem bereits gemeinsame Wege beschritten! Wenn Ihr uns gemeinsam zeigen könnt, dass das Zusammenkommen zu voller Gemeinschaft miteinander zu jener Veränderung unseres Lebens und unserer Institutionen führen kann, nach der wir trachten, wenn wir ein wahrhaft heiliges Volk sein wollen, dann habt Ihr der Sache der Ökumene einen enormen Dienst erwiesen.
"Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit". Zur Heiligkeit sind wir berufen. Möge diese Heiligkeit durch alles, was wir heute gemeinsam getan haben, in allen unseren Kirchen und Gemeinden, in die wir zurückkehren, immer stärker gelebt werden, - und möge Gott durch das Zeugnis eines heiligen Volkes an allen Orten, in die wir zurückkehren, verherrlicht werden.
© 2006 Ven Colin Williams
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