2. September 2006


75. Jubiläum der Bonner Vereinbarung
Predigt von David Hamid
Suffraganbischof der anglikanischen Diözese in Europa


1 Pet 2.4-10; Joh 17.20-26

Es ist mir eine grosse Freude, heute mit Ihnen bei dieser grossen Feier in Bern zu sein, wo Anglikaner und Christkatholiken in der Schweiz zusammen die 75 Jahre voller Kommunion, die durch die Bonner Vereinbarung ermöglicht wurde, gedenken. Meine Freude entstammt nicht nur der theologischen Bedeutung, die an sich gross ist, dieser Errungenschaft, sondern dem Wissen, dass in der Schweiz diese ökumenische Leistung nicht einfach ein Text in der Bücherregal der Theologen geblieben ist. Es gehört bereits zum Herzblut unserer beiden Kirchen. Und diese Realität ist ein kostbares Zeichen der Einheit und Versöhnung, die zentral zu dem sind, das wir sind: die Gemeinschaft der in Christus Getauften. Diese Einheit wird heute demonstriert, indem mein Bruder Bischof Fritz-René und ich zusammen stehen, aber auch, indem Priester und Volk mit sehr verschiedenen Geschichten und Hintergründen ein Leib um den Altartisch bilden.

Als ich im Seminar war, war mein Professor in Pastoraltheologie Vater Buchner; gegen Ende des ersten Studienjahres verlangte er von uns in einer seiner Lektionen, dass wir unseren eigenen Nachruf schreiben. Es war keine leichte Aufgabe. Der Zweck Vater Buchners Auftrag war, dass wir Seminaristen uns mit unserer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Aber es zwang uns auch dazu, darüber zu denken, wie wir anderen im Gedächtnis bleiben wollen, wenn wir diese Welt verlassen.

In der Antike wurden die letzten Worte eines grossen Helds als sein letzten Willen und Testament aufgeschrieben und geehrt. Im Alten Testament haben wir zwei Beispiele davon, in den letzten Segnungen der grossen Patriarchen auf ihrem Todeslager. Heute haben wir etwas von dem gehört, das als "letzte Rede" unseres Herrn Jesus Christus gilt. Wir hören seine letzten Worte an seine Jünger, vor seinem Tod, der nur wenige Stunden entfernt war. Die Kirche schätzt diese Worte - weil sie den letzten Wunsch, ja sogar den Gebot, unseres Herrn an seine Jünger ausdrücken.

Ich kann nicht genug betonen, wie entscheidend es ist, dass jeder Christ und jede Christin dieses Gebets Jesu, "Alle sollen eins sein" hört und danach handelt. Durch diese Worte drückt er seinen Willen für uns, seine Jünger, aus; damit betreut er uns mit der Fortsetzung seiner Mission. Christus, unser Herr, gründete eine Kirche und nur eine Kirche. Das ist unser Glaube, das ist was wir tapfer behaupten, jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen. Wir sind geboten worden, das zu wahren und zu zeigen. Einheit ist der Kernpunkt unseres Glaubens. Wenn jemand fragt, was der Kernpunkt des christlichen Glaubens ist: Es ist unsere Berufung, uns in Gottes Mission zu beteiligen - und Gottes Mission ist es, alle in Einheit mit sich zu bringen.

Die Heilige Schrift lehrt uns sehr deutlich, dass es der Wille Gottes ist, die ganze Schöpfung in die liebenden Arme unseres Herrn Jesus Christus zu sammeln, und in Einheit mit ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes, werden alle in liebende Gemeinschaft oder Kommunion mit Gott dem Vater gebracht. Die Versammlung des ökumenischen Weltkirchenrates in Canberra 1991 erklärte ausdrücklich: Gottes Absicht ist es, laut der Heiligen Schrift, die ganze Schöpfung unter der Herrschaft Jesu Christi zu sammeln, in dem, Kraft des Heiligen Geistes, alle in Kommunion mit Gott gebracht werden (Eph 1). Und die Kirche existiert zu einem Zweck - um der Vorgeschmack dieser grossen Einheit, dieser Kommunion mit Gott und untereinander, zu sein. Diese Kommunion in Gebet, Liebe und Tat zu zeigen und so der ganzen Welt ein Zeichen unsere Einheit mit Gott zu sein: Das ist die Sendung der Kirche.

Liebe Freunde, merken Sie bitte: Jesu Gebet an seinen Vater war nicht, dass es keine Fragen oder Diskussionen unter seinen Anhängern gebe. Jesus betet nicht, "Vater, mach, dass sie in allem eine Meinung sind". Die Einheit, zu der wir berufen sind, ist nicht Einheitlichkeit; es geht um eine viel tiefere Berufung. In seinem Gebet bittet Jesus, dass wir "vollendet sein in der Einheit". Aber dies zeigt, dass es keinen Rest, keinen Aussenseiter im Reich Gottes geben soll. Es soll eine Vollständigkeit der Versöhnung geben, an der wir Mitarbeiter sind.

So können Sie sehen, was für ein Skandal es ist, dass wir Christen gespalten sind! Wir leben in einer Welt, die mehr und mehr scheint, ernsthaft auseinander zu fallen. Ich beziehe mich nicht nur auf internationalen Konflikten und ethnische Verschiedenheiten. Auch auf der lokalen Ebene in Europa wenden sich Völker gegen ihren Nachbarn, gegen jene, die scheinbar anders sind. Argwohn, Misstrauen und Angst nehmen zu - und treiben Gottes Kinder weg voneinander und so weg von seinem Ziel der Einheit aller.

Deswegen verwischt eine gespaltene Kirche - ausgerechnet das Werkzeug, das Gottes Hoffnung verkünden und Gottes Einheit leben soll - verwischt eine gespaltene Kirche vollständig die Botschaft, die wir versuchen, der Welt zu vermitteln: dass "es ein Leib und einen Geist, eine Hoffnung euerer Berufung, einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allem ist."

Die Einheit, um die Christus in unserer Lesung aus dem Evangelium heute betet, "Alle sollen eins sein" (Joh 17, 21) ist nicht ein "optional Extra", das dem Leben der Kirche zusätzlich angefügt wird. Es ist von entscheidender Bedeutung. Es soll alles, das wir tun und sagen, durchdringen. Es muss Teil des organischen Lebens der Kirche werden, sonst leben wir nicht die Sendung der Kirche, nach dem Gebot unseres Herrn.

Lassen wir uns deswegen nicht vergessen, geliebte Brüder und Schwestern, dass die Bonner Vereinbarung von 1931, zwischen der Kirche von England und den Altkatholischen Kirchen der Utrechter Union, nicht einfach eine theologische Vereinbarung ist. Sie ist nicht nur ein Text, die enge Gemeinschaft ermöglicht - sie ist ein Werkzeug, das der Einheit dient, von der wir wissen, dass sie Gottes Plan für die ganze Schöpfung ist. Sie zwingt uns vorwärts, um die Einheit zu suchen und zu leben, die Christi Willen entspricht und die zentral ist für unsere Sendung und unser Jünger-Sein.

Als ein Teil der heutigen Feier hat jede Pfarrgemeinde Bausteine mitgebracht, symbolische Bausteine, geschmückt mit Darstellungen der Menschen, die sich in diesen Gemeinden zusammenkommen. Warum Bausteine? Natürlich weil Petrus, in der heutigen Lesung, uns erklärt, dass wir lebendige Steine sind, dass wir zusammen ein geistiges Haus bauen, und dass dieses geistige Haus auf einem grossen Eckstein gründet - Christus selber. Das griechische Wort für Haus ist oikos, von dem wir das Wort oikoumene haben; zu Deutsch, "ökumene". Unsere Sendung als Christen ist die Mitarbeit am Bau vom Reich Gottes. Dieses grosse Bauprojekt wurde von Jesus Christus selber initiiert, aber heute machen Sie und ich weiter damit. Während wir, Jünger Jesu Christi, an dem Werk der Einheit arbeiten, werden wir von Petrus daran erinnert, dass wir an einem Haus bauen, einem Heim für alle in der Welt, einem Familienheim für alle Menschen, vereint um unseren einen Vater.

Unser Jünger-Sein ist ein Bauprojekt. Wir sind Teil der Einheits-Baumannschaft Jesu - betraut mit der Vision unseres Herrn für Gottes Schöpfung. Deswegen spricht unser Herr so deutlich über Einheit im heutigen Evangelium.

Deshalb ist Einheit der Christen unbedingt notwendig. Wir können nicht diese Einheit bezeugen, die Gottes Wille ist, während wir in Trennung voneinander leben. Unsere zwei Traditionen sind zusammen auf dem Weg gewesen, seit 75 Jahren, in vollständiger Einheit. Es gibt kein klareres Zeichen unserer Einheit als das sakramentale Leben, das wir gänzlich miteinander teilen. Wir tun nicht einfach miteinander kooperieren. Wir sind nicht einfach nett miteinander. Wir tun nicht einfach einander helfen. (Ich hoffe, dass wir dies alles tun!) Wir leben die vollständige Einheit, zu der wir berufen sind und durch welche wir Christi Mission in dieser Welt bezeugen.

In unserer gemeinsamen Eucharistiefeier nehmen wir das gebrochene Brot des Leibes Christi, in unsere getrennten individuellen Leiber hinein, und dadurch und in der Kraft des Heiligen Geistes werden unsere getrennten Leiber zu einem Leib. Die Teile kommen wieder zusammen. Die Bausteine für das Reich Gottes werden Kraft des Heiligen Geistes zusammengefügt, wenn wir unser Leben in sakramentaler Gemeinschaft führen.

Unsere Einheit als Anglikaner und Altkatholiken in der Schweiz, sogar in Europa, mag auf der globalen Ebene bescheiden wirken, wenn wir das Ausmass der Uneinigkeit in der Welt betrachten. Trotzdem ist sie ein wichtiger und bedeutender Schritt in die Richtung, die dem Willen unseres Herrn entspricht, wie wir ihn im heutigen Evangelium hören.

Vor 75 Jahren kamen wir zusammen, weil wir auf dem Gebot unseres Herrn reagiert haben. Denken Sie daran, dass wir heute ein gemeinsames sakramentales Leben führen, obgleich wir aus unterschiedlichen Verhältnissen, Traditionen und Kulturen stammen, um ein Lichtstrahl der Liebe und Einheit Gottes in einer gebrochenen Welt zu sein. Möge Christus unsere Einheit gebrauchen, um das Reich Gottes zu bauen, wie wir heute symbolisch mit unseren "Bausteinen" zeigen. Das Mörtel, das diese Steine zusammenhalten wird, ist die sakramentale Verbindung der Gemeinschaft und Liebe, die wir heute feiern; eine Verbindung, die vom Heiligen Geist belebt wird. Derselbe Geist macht uns zu lebendigen Steinen, einer heiligen Priesterschaft, auf Christus errichtet, der der wahre Eckstein ist.


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